Die Ästhetik des Unbeachteten

Das UNBEACHTETE suche ich hauptsächlich auf der Straße – wo ich auf Zufälligkeiten, Unscheinbares, Ausschnitte, Kompositionen, Verletzungen, Rückstände, Flüchtiges, Verwischtes, Kleines oder Großes, Lichtspiele etc. achte. Ich entdecke Bilder.


                      KATALOG _ 2019


Mein künstlerische Intention ist es, – z.B. durch die Konzentration auf einen Ausschnitt – das Motiv für den Betrachter zu VERRÄTSELN. So bekommen die Motive auf meinen Fotos eine neue, eigene Wahrnehmung, Aussage und Ästhetik. Das Ursprüngliche tritt zurück, ist häufig gar nicht mehr zu identifizieren.Die Zufälligkeit des Aufnahmemomentes wird übersehen. Die Bilder wirken wie bewusst konzipierte und gewollt erschaffene, in sich schlüssige Darstellungen und Inszenierungen. Mit dieser Wirkung verwischen sich die Grenzen zur Malerei und Grafik und schaffen eine eigene fotografische Bildersprache, die die Wirklichkeit häufig wie eine abstrakte Verfremdung erscheinen läßt. Meine BetrachterInnen sollen das Bild nicht wieder enträtseln – angeregt werden sollen Fantasie, Interpretation und Neugierde.

Für mich ist ein BILD gelungen, welches die Fantasie erkennt und dessen Zufälligkeit erstaunt.

Bearbeitet werden die Bilder mit dem RAW-Konverter unter weitestgehendem Verzicht von Photoshop. Der Umfang der Bearbeitung orientiert sich an den Möglichkeiten analoger Dunkelkammerarbeit und Retusche – ohne gestalterisch-schöpferische Eingriffe, die die Darstellung, den Aufbau und die Farbe der ursprünglichen Fotografie grundlegend verändert oder neu entstehen läßt. Die Bilder zeigen das, was ich entdeckt und gesehen habe. Es sind FOTOGRAFIEN.

 

 

Berlin, 1971

Berliner Zoo. Ich muss 18 gewesen sein. Ich weiß noch, wie mir die Struktur der Bänke einen Adrenalinstoß vesetzte – und welche Angst ich spürte, dass der Mann mich entdecken und wütend/öffentlich beschimpfen würde. Ambivalente Gefühle, die ein lebenlang vor den meisten der spontanen Staßenphotos standen. Richtig wütend sind nur drei Fotografierte geworden und von denen habe ich auch keine Bilder mehr. Und das Adrenalin ist bis heute der innere Bildermelder.

Amsterdam, 1979

Amsterdam 1979/80. Besetztes Haus: Singel 46 am Amsterdamer Grachtengürtel; wie selbstverständlich hatte mich das Leben dort hineingespühlt. Partyvorbereitung:am Piano Rutger …

… im Wohnzimmer

Amsterdam, ab 1979

Den Dingen auf den Grund gehen, verstehen – Angst und Neugierde: Die Arbeit auf der Amsterdamer Drogenszene war Herausforderung und Motivation. Wie leben und überleben Menschen mit einem abhängigen Kosum von verbotenen Drogen – und als Deutsche zugleich mit der Illegalität in einer fremden Stadt? Zum Beispiel, indem sie die feinen Muster der Rückseiten von Spielkarten sorgfältig ausschneiden und die kleinen Vierecke als LSD an unerfahrene Touristen verkaufen.

Amsterdam, 1984

aus fotografischen „Beifang“ wurde eine Passion: Straßenmusik. Damals noch vielfältig in Form, Stil und Qualität vor allem am Dam anzutreffen. Von außen willkürlich, aber doch mit einer inneren Organisation der Beteiligten. So profitierten viele vom Kuchen und verteidigten ihn.

Amsterdam, 1985

Fotosession in Cafe Husse – das zweite Wohnzimmer der Hausbesetzer. Vlnr.: Makreke, Dolf, Jeron und Onno der Wirt. Was wird das jetzt? Ein CD-Cover.

Yogyakarta, 1989

Zigarrendreherin. Eben war ich noch mit dem Manager in seinem Büro: „Wir sind alleine. Sie können mich jetzt bestechen.“ Ich war buff. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich reagiert habe. Wahrscheinlich habe ich ihn bestochen – wie käme ich sonst an die Bilder asu der Fabrik?

Bangkok, 1989

In einem Neubaugebiet, irgendwo an einer willkürlichen Haltestelle, wo sich im Schatten unfertiger Hochhäuser, die wie Skeletten in den Himmel ragen, ein paar alte Holzhütten behaupten, überraschte mich dieser innige Moment. Vater und Tochter im Spiel versunken – einen lebenden Käfer als Puppenersatz. Dessen Fluchtdrang wird durch ein Band an seinem Beinen gebremst. Ein zärtlicher Augenblick und eine gelassene Reaktion gegenüber dem Fremden, der seine Kamera hochhält.

 

Prag, 1990

Eins meiner Lieblingsfotos: Die Schwärze der Nacht, in deren Dunkelkeit der Mann sich vortraut. Das Schwarz der Aufnahme, die seine Anonymität respektiert und auch die Geschichte nur schemenhaft erzählt. Das Gesicht, das sich andeutet. Der gesenkte Blick. Die gekreuzten Krücken. Und das Muster der Mütze, man könnte meinen, es sei Teil der Straßenplasterung und er wäre gleichsam mit einem Fahrstuhl auf die Bühne der Oberwelt gebracht worden. Und alles wird überstrahlt von der Dose mit Schlitz….

Lissabon, 1992

 

Ein blinder Geiger. Wenn man einen Augenblick verweilt, dann hört man seine Musik in der Prachtstrasse von Lissabon.
Im übigen ein prämiertes Bild: Ausgezeichnet von der Societe des artistes francais, 1993 im Grand Palais in Paris.

Hannover, 1995

Ein Foto  –  eine Geschichte. Mir hat er erzählt, wie und wobei er die Finger seiner zwei Hände so unglaublich gequescht hat. Zu dieser Geschichte gibt es jetzt ein Bild. Die Frau im Hintergrund ist wieder eine andere Geschichte

Portugal, 1995

24 Jahre später poste ich das Bild bei Instergam und – kaum zu glauben – es wird von Diana entdeckt. Es hängst auch bei Ihrer Mutter im Wohnzimmer in Hannover…

Bremen, 1997

Nichts wird so sein wie vorher: Tag-eslicht eins im Leben von Marianus: Entspannter als sein Vater.

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HAMBURG, 2020

23 Jahre – 2 Monate – 17 Tage – 6 Stunden später: Auszug/erste eigene Wohnung: Nichts wird so sein wie vorher.

Bremen, 1997

Mit diesem Bild habe ich eine Postkarte gemacht. Als ich später bei einem Besuch in Amsterdamer Gesundheitsamt im Sekretärinen-Zimmer auf den Chef warten musste, da hing an einer sonst kahlen Wand nur: diese Postkarte.

BERLIN, 1998

Irgendwann und immer mehr habe ich auf mein Teleobjektiv verzichtet, die Menschen angesprochen und aus naher Distanz fotografiert. Vielleicht nicht die reine Lehre der Straßenfotografie – sicher aber interessante, spontane Begegnungen. Heute frage ich gerne:Darf ich ein heimliches foto von Ihnen machen?

What do you want to do ?

New mail

Straßen – Musik

Aus „fotografischen Beifang“ noch zu analogen Zeiten wurde eine „fotografische Leidenschaft“. Gerade auch, weil es bei dieser Arbeit auf der Straße nicht nur der schnelle Auslöser-Klick ist, sondern häufig eine Begegnung stattfindet, ein Gespräch, ein Austausch. Was liegt da näher, als die MusikerInnen zu bitten, ihre Performens mitschneiden zu dürfen. Fotoapparat und Aufnahmegerät zusammen zu bedienen, dazu braucht man aber zwei rechte Hände …

Hier die erste Probeaufnahme aus dem Hauptbahnhof 1994 in Hannover. Nur versehen mit einem Aufnahmegerät – ohne Kamera.

 

Überall

24.05.2020 BREMEN-NEUSTADT. Ich brauche nicht in die Metropolen zu reisen, nicht die Brennpunkte aufzusuchen – Bilder finden sich überall: Zur Vorbereitung einer Renovierung wurde hier das Graffiti auf einer Hauswand mit weißer Farbe übermalt – die zum Glück noch nicht gedeckt hat.

MANIPULIERT

09.05.2020 BREMEN. zum ersten Mal habe ich ein Foto in Photoshop entfremdet. Ich glaube, es lohnt sicih, in diese Richtung sich voranzutasten…

Bremen 2020

Julia Bachmann (www.julia-bachmann.de) – Gesang vom Altenheim in Zeiten von Corona.

Stay with me – for a short mo-ment

(In der Menge verfängt sich unser Blick in dem Gesicht einer fremden Person. Betrachtet, beäugt, ein schneller Moment – vorbeigezogen, außer Sichtweite, verschwunden. Das Anlitz noch vor Augen. Warum so unwillkürlich berührt?  Neugierde, etwas vertrautes, etwa befremdendes (?). )

Meine Bilder sollen eine Begegnung sein – flüchtig, aber beachtlich.

Indem ich meine ProtagonistInnen nicht durchgängig über eine fotografisch-konfrontierende Porträtkunst der Betrachtung aussetze, ihr Erkennen häufig zurücknehme, rege ich den Beobachter an, bei sich selbst, in seiner Fantasie, in seiner Erfahrung und vielleicht in seiner eigenen Biografie nach Assoziationen, Erklärungen zu suchen. Kein Schutz in einer betrachtenden Distanz. Bilder offen und verschlossen. Dokumentation ohne Erklärung. Dazwischen Stillleben: Wohnungen.

Vielleicht nur Bilder in dem einem inneren Bilderstrom. Vielleicht eine visuelle Begegnung – länger als ein short moment.

Wind und Wetter

17.02.2020 AMSTERDAM. Wirklich auf dem letzten Drücker. Im Amsterdamer Bahnhof; auf dem Weg zum Bahnsteig! Zwei Säulen voller Wetter- und Landschaftsbilder. (Bauarbeiten auf schwarzen Granit.) Hier: Ein Sturm zieht auf. Aus der Serie: Teufelsmoor.

grablegung

17.01.2020_BERLIN_Sonnenschein. Ein Tag mit vielen Straßenmusikern. Und einer Arbeit, die mich anspricht: Die Grablegung eines alten, bärtigen Mannes. Am Rande des Grabe zwei niedergelegte Rosen…

kommt ….

 

…. scharz/weiß zurück? Ich bin angetan, was ich sehe – SIE auch . Weihnachtsmarkt in Bremen,  20.12.2019

FARBE: Schwarz

18.04.2019  Séte/ Frankreich . Ein Motiv nach dem ich lange Ausschau gehalten habe und das mir hier zum ersten Mal (annähernd) geglückt ist;  Eine Farbe: SCHWARZ