Die Ästhetik des Unbeachteten

Das UNBEACHTETE suche ich hauptsächlich auf der Straße – wo ich auf Zufälligkeiten, Unscheinbares, Ausschnitte, Kompositionen, Verletzungen, Rückstände, Flüchtiges, Verwischtes, Kleines oder Großes, Lichtspiele etc. achte. Ich entdecke Bilder.


                      KATALOG _ 2019


Mein künstlerische Intention ist es, – z.B. durch die Konzentration auf einen Ausschnitt – das Motiv für den Betrachter zu VERRÄTSELN. So bekommen die Motive auf meinen Fotos eine neue, eigene Wahrnehmung, Aussage und Ästhetik. Das Ursprüngliche tritt zurück, ist häufig gar nicht mehr zu identifizieren.Die Zufälligkeit des Aufnahmemomentes wird übersehen. Die Bilder wirken wie bewusst konzipierte und gewollt erschaffene, in sich schlüssige Darstellungen und Inszenierungen. Mit dieser Wirkung verwischen sich die Grenzen zur Malerei und Grafik und schaffen eine eigene fotografische Bildersprache, die die Wirklichkeit häufig wie eine abstrakte Verfremdung erscheinen läßt. Meine BetrachterInnen sollen das Bild nicht wieder enträtseln – angeregt werden sollen Fantasie, Interpretation und Neugierde.

Für mich ist ein BILD gelungen, welches die Fantasie erkennt und dessen Zufälligkeit erstaunt.

Bearbeitet werden die Bilder mit dem RAW-Konverter unter weitestgehendem Verzicht von Photoshop. Der Umfang der Bearbeitung orientiert sich an den Möglichkeiten analoger Dunkelkammerarbeit und Retusche – ohne gestalterisch-schöpferische Eingriffe, die die Darstellung, den Aufbau und die Farbe der ursprünglichen Fotografie grundlegend verändert oder neu entstehen läßt. Die Bilder zeigen das, was ich entdeckt und gesehen habe. Es sind FOTOGRAFIEN.

 

 

Verlassener Ort

 

 

 

HERR SCHMIDT

25.01.2019 Bremen:    Gestern habe ich eine Wohnung dem Vermieter übergeben, in der bis vor kurzem ein alter Mann zusammen mit 40 Zierbarschen gelebt hat. Gelebt, verbracht, geschlafen auf seinem durchgesessenen Wohnzimmersofa – in dementer Paranoia vor einem nächtlichen Schattenmann. Nun, heute, leere Räume.  Dinge aus 70 Jahre-Leben, die die Wohnung ums Wohnzimmer herum zunehmend verstopft hatten, sind aus dem Haus herausgetragen und zur Deponie gebracht worden. Mit ihnen auch die Erinnerungen, die diese Dinge beseelten. Die Wohnung besenrein geleert – wie entehrt. Aber zum Glück wird er auch die Erinnerung vergessen.

Für einen Moment ein lost-place in der Vorstadt.

Der alte Mann lebt nun vis-a-vis an einen anderen Ort, den er ohne seine früheren Sinne nicht begreifen kann. Schon am ersten Tag ist er über die Gartenmauer ausgebüxt – fand auch den Weg zu seiner, jetzt aber für ihn schon verschlossene Wohnung; aber nicht mehr den Rückweg. In der Gegend einer Ausfallstraße fiel er einer Polizeistreife auf.

Danach, in dem fremden, aufgeräumten, lichthellen Heim, unter Seinesgleichen, schien er nichts mehr zu haben, womit er sich dem gänzlichen Vergessen hätte entgegenstemmen könnte. Er freut sich empfänglich über jeden Besuch, um lachend-genant einzuräumen, dass er überhaupt nicht wüsste, wer vor ihm stünde. “Ich heiße wie Sie“, sage ich dann immer – laut. Dann lacht Herr Schmidt noch mehr – ich habe ihn nie raten lassen, wie ich heiße.